Interview mit Midori Takada

Die täglichen Jubelmeldungen über die Renaissance der Vinyl-Schallplatte – vor allem in punkto Umsatzgenerierung – reißen nicht ab. Mit der gesteigerten Nachfrage florieren auch in den Kommentarfeldern von Discogs, YouTube und Co. jene Wortbeiträge, die ekstatisch nach der Wiederveröffentlichung von vergriffenen oder nicht mehr erhältlichen Platten schreien. „They need to do a repress asap“, „I need that record so bad“, wir alle haben diese kurzen Fetzen schon mal gelesen und hier und da darüber geschmunzelt.

Ähnlich verhält es sich aber auch mit der Journaille. Wird die Wiederveröffentlichung einer bestimmten Platte verkündet, behilft man sich gerne der Information, dass diese Platte besonders gesucht sei oder Plattensammler weltweit diese Platte schon immer in ihrer Wantlist haben würden. Als ginge es nicht alleine um die Musik, sondern lediglich um ihren Wert. Auch bei uns. Und insbesondere bei Midori Takadas „Through The Looking glass“, das jetzt von WRWTFWW Records in Kooperation mit Palto Flats wiederveröffentlicht wird.

Und trotzdem bildet dieses Album eine Ausnahme. Sicher, das 1983 veröffentlichte Debütalbum der damals 32-jährigen Japanerin ist eines dieser Werke, das – sofern man überhaupt eine Kopie davon findet – nur zu horrenden Preisen den Eigentümer wechselt. Und auch wenn es zu der aktuell wahrnehmbar gestiegenen Nachfrage nach japanischer Musik von Künstlern wie Haruomi Hosono, Ryuichi Sakamoto, Hiroshi Sato, Yasuaki Shimizu oder Tatsuro Yamashita passt, das ist nicht der Grund, warum „Through The Looking Glass“ jetzt wieder in den Fokus rückt. Nein. Dieses Album ist anders. Anders, weil das so akkurat wie graziös vorgetragene Percussionspiel Takadas eine ganzkörperliche Erfahrung darstellt, sogar darüber hinausgeht. Weil es eines dieser Alben ist, das die Sinneswahrnehmung auf die Probe stellt. „Through The Looking Glass“ ist kein normales Album, die vier darauf vorgetragenen Kompositionen sind ein transzendenter Hörgenuss. Und diese Erfahrung ist genau so beabsichtigt, das macht Midori Takada im Interview deutlich.

Das erste, das die Aufmerksamkeit des Hörers Ihres 1983 erschienenen Meisterwerks „Through The Looking Glass“ auf sich zieht, ist das Cover. Es zeigt ein Bild des Künstlers Yoko Ochida. Im Zusammenspiel mit der ersten Komposition des Albums, „Mr. Henri Rousseau’s Dream“, wirft es einen direkten Bezug zu den Dschungel-Bildern des postindustriellen Meisters. Können Sie uns etwas zu der Entstehungsgeschichte des Covers sagen – inwiefern dient Henri Rousseau als Inspiration?

Midori Takada: Hier muss ich zunächst mit einem Missverständnis aufräumen. Die Musik auf diesem Album wurde aufgenommen, bevor entschieden worden ist, das Bild für das Cover von „Through The Looking Glass“ zu verwenden. Es waren Mitarbeiter der Plattenfirma, die das Gemälde aus dem Werk von Yoko Ochida ausgesucht haben. Ich kannte das eigentliche Kunstwerk bis vor der Veröffentlichung des Albums gar nicht.
Dennoch war ich in meiner Kindheit sehr stark von der Kunst Henri Rousseaus angezogen. Trotz der Kreaturen in diesem Kunstwerk, ist der Luft eine glückselige Stille und Leichtigkeit immanent, die Atmosphäre wird gegenwärtig und selbst die Atmung wird spürbar. Je genauer Sie hinhören, wird auch das Gehör zwischen dem abgebildeten Objekt und dem Raum unterschieden. Was ich in dieser Komposition entwickeln wollte, ist die Schaffung dieses Scharfsinns. Wie auf einem Gemälde, bei dem jede Farbe einzeln auf die Leinwand aufgetragen wird, achte ich bei Komposition penibel genau auf jeden individuellen Ton.

Anders als Henri Rousseau, der in seinem Leben den Dschungel nie bereist und gesehen hat, haben Sie in den 1980er Jahren mit afrikanischen Künstlern aus Ghana, Senegal und Burkina Faso gearbeitet und die Länder bereist. Was würden Sie Rousseau heute entgegnen?

Midori Takada: Im Gegenteil zu Rousseau sah ich eine geistige Verwandtschaft mit der ruhigen Natur in seinem Kunstwerk. Rousseau wagte sich in eine unbekannte, spirituelle Domäne und schuf dort seine Bilder. Seine Phantasien waren aber keine Perücken der Wirklichkeit, sondern seine eigene, zutiefst innere Landschaft. Als ich durch Afrika reiste, war ich sehr bewegt von den Trommelklängen, die ich dort angetroffen habe, die mich an aufwändige Strukturen erinnerten, die sich im Körper ausbreiten. Man könnte sagen, dass diese Tonarten einer ruhigen, spirituellen Architektur entspringen. In Gemälden und Musik herrscht eine Eigenschaft, deren Vibration den Geist erweckt.

Sie sind in klassischer Komposition ausgebildet, arbeiten aber auch mit Field Recordings. Auf „Mr. Henri Rousseau’s Dream“ sind die Vogelstimmen eines der transzendenten Elemente. Inwiefern spielt auch der Zufall bei der Komposition eine Rolle?

Midori Takada: Es gibt einen Unterschied zwischen diesen Zufallsoperationen und der Improvisation. Die Zufallsoperation bedeutet, dass etwas in einem definierten organisierten Bereich passieren könnte. Diesem Prinzip folgend, wurden die Vogelklänge – nachdem alle anderen Töne fertig waren – ad-hoc aufgenommen. Grundsätzlich kann ich aber sagen, das bei der Aufnahme dieses Albums nichts zufällig passiert ist.

„Crossing“ mit seinem genauso repetitiven wie wunderschönen Marimba-Spiel erinnert an die minimalen Kompositionen von Steve Reich. Das ganze Album weckt Assoziationen zu möglichen Inspirationsquellen. Lassen Sie uns an der Welt der jungen Midori Takada zu Beginn der Achtziger teilhaben.

Midori Takada: In den 1970er und 1980er Jahren entstanden viele neue Arten von Musik. Darüber hinaus entwickelte sich die Elektronik dramatisch. Aber während dieser Zeit gab es, glaube ich, nicht viele Musiker, die konzertierte Beobachtungen zum Konzept des Minimalismus machten. Viele der traditionellen Musiker suchten die Avantgarde oder wurden dazu aufgefordert, Virtuosität zu liefern.
Minimale Musik, bei der die Klangelemente knapp sind und scheinbar nicht so poliert wirken, wurde von nur wenigen als Musik von großer Möglichkeit erkannt. Künstler, die gehört wurden und denen man folgte, waren in der Minderheit. Es wurde immer auf den technischen Aspekt in der Musik hingewiesen, so wurde zum Beispiel auch das repetitive Element teilweise eingebaut. Ich denke aber, dass sein ideologisches oder philosophisches Prinzip nicht so weit anerkannt wurde. Ich habe den Minimalismus nicht als Ausdrucksform gesehen, sondern als ein System. Ein System, bei dem sich kleine Zellen vermehren. Sein Wert bleibt unverändert, er behält aber die Möglichkeit abzuklingen.

Auch das dritte Stück „Trompe-l’œil“ nimmt in seinem Titel direkten Bezug zur Malerei. So ist Trompe-l’œil die illusionistische Malerei, die mittels perspektivischer Darstellung Dreidimensionalität vortäuscht. Welche Täuschung soll hier beim Hörer erweckt werden? In mir ruft „Trompe-l’œil“ wieder eine Assoziation zu Rosseau hervor. Der Traum und Lockruf des Dschungels, obwohl er Frankreich nicht entfliehen kann.

Midori Takada: Mit Trompe-l’œil wollte ich ein illusionistisches Gemälde mit den Mitteln des Klangs erschaffen. Die Manipulation der Klangstruktur entwickelt dabei einen Schatten. Hiermit wollte ich die geistige Landschaft jedes Zuhörers berühren, weil ich denke, dass das etwas ist, das fröhlich ist. Das ist etwas, was wir alle in uns tragen.

In einem Interview, das Sie bezüglich eines Konzerts in Warschau gegeben haben, nannten Sie Glück als das primäre Ziel Ihrer Musik. Gerade in der heutigen weltpolitischen Lage, erscheint die Wiederveröffentlichung von „Through The Looking Glass“ als wichtiges Signal.

Midori Takada: Vielen Dank. Ich hoffe, dass es so akzeptiert wird.

Midori Takada - Detail
„The holy grail of Japanese Ambient & Minimalist Music“ – jetzt als audiophile Version wiederveröffentlicht.

Die Wiederveröffentlichung Ihres Albums folgt auf die Platten von Yasuaki Shimizu und Mariah, die beide bereits im vergangenen Jahr wiederveröffentlicht worden sind. Alle drei Alben haben gemein, das sie zwischen 1981 und 1983 entstanden sind. Wie erklären Sie sich das heutige Interesse an der japanischen Musik dieser spezifischen Ära?

Midori Takada: Während dieser Ära in den 1980er Jahren entzog sich Japan endgültig der Nachkriegs-Konjunktur. Es gab einen unersättlichen Wunsch nach neuen Dingen. Auch in der Musik eines jeden Genres gab es es eine neue Toleranz gegenüber experimentellen und neuen Strömungen. Zugleich blickte man optimistisch in die Zukunft. Vergleicht man diese Ära mit dem gegenwärtigen Zustand der Welt, dann ist es wie ein Traum. Vielleicht ist es gar nicht das Interesse an der Musik aus dieser bestimmten Ära, die in Japan geschaffen wurde, doch der Hörer spürt, das die Welt jetzt etwas verloren hat.
Bis zu dieser Zeit litten japanische Musiker beim Versuch sich selbst zu verwestlichen und steckten so fest zwischen ihrer eigenen und der Kultur des Westens. Ab hier aber suchten sie etwas, das sie mit der Welt verbindet. So spürten sie damals schon die Probleme, die die Globalisierung erzeugt. Vielleicht ist es die Energie dieser Ära, die heute noch frisch und dauerhaft wirkt und die Leute fasziniert.

Sie lehrten bis vor wenigen Jahren noch auf der renommierten Tokyo National University Of Arts. In der heute schnelllebigen Zeit voller Ablenkungen, steht „Through The Looking Glass“ als Antithese. Wie würden Ihre Studenten heute auf das Album reagieren?

Midori Takada: In den zehn Jahren, in denen ich dort gearbeitet habe, habe ich meinen Schülern „Through The Looking Glass“ niemals vorgespielt. Jeden Tag arbeiten die meisten von ihnen fleißig, lernen Beethoven und Bach und spielen klassische zeitgenössische Musik. Ich hatte eine Verantwortung, sie zu lehren, damit sie in dieser Gesellschaft leben können. Auf der einen Seite, gab es die Studenten, die an meiner Musik interessiert waren und ich setzte mich sehr für sie ein, damit sie eine andere Welt sehen konnten. Aber mein Spiel ist etwas, das nicht in der Schule gelehrt werden kann, deshalb hat es die Fähigkeit, sie zu verwirren. Ich persönlich war eine lange Zeit aus dem Standard raus. Wenn ich Ihnen vorgeschlagen hätte, sich „Through The Looking Glass“ anzuhören, würden sie höchstwahrscheinlich auf mich zurückkommen und nach der Partitur für die Musik fragen. Ich aber denke, dass Musik etwas ist, das man selbst auswählt und versucht zu finden. Mit seinem eigenen Urteil. Ich denke, dass es großartig ist, die eigene Mentalität mit anderen zu teilen, aber in einer Lehrer-Schüler-Beziehung, bedeutet es nicht unbedingt, das es wichtig ist, alles mit den eigenen Schülern zu teilen. In der heutigen Welt der Informationsüberflutung sollten sie „Through The Looking Glass“ von alleine entdecken.

Info: Der Text wurde zuerst 16.03.2017 im HHV Mag veröffentlicht.

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